Das Vögelchen

Für mein Kind

„Er ist so tief verschüttet unter so viel Kram
– so tief eingefroren –
– so unaussprechlich, untrennbar –
so sehr schon ein Teil von mir,
dass es so schwer ist ihn aufzulösen…

Vielleicht möchte er erlöst – verwandelt werden.
Vielleicht möchte er Spielraum bekommen,
Luft zum atmen um die Flügel aufzuspannen und los zu fliegen.
Frei zu sein zu zwitschern und zu singen
– die Welt von oben zu sehen
– und
auf sie zu scheißen.

Vielleicht auch irgendwann ein Ei legen.
Vielleicht irgendwann einen anderen Vogel sehen
und gemeinsam ein kleines Vögelchen großziehen…

Zu erst mal wird es sich selber aus dem Ei pellen,
die gefrorenen Flügel spreizen
und sich die letzte Kälte aus dem Gefieder schütteln,
und die Tautropfen abputzen,
dann wird er seine Schwingen ausbreiten und den ersten Flug wagen.

Daneben wird das der Vogel stehen,
welcher es geschafft hat in der Kälte zu fliegen
mit eingefrorenen Flügeln.
Hat man so etwas schon gehört?

Was kann er viel helfen,
er weiß ja nur,
wie man sich mit steifen klammen Flügeln in der Luft hält.
Weil man ja fliegen muss! – als Vogel.

Aber kaum wie es ist zu fliegen, weil es Spaß macht,
die Sonne einen wärmt,
der Wind mit einem spielt und das Wasser glitzert.

Das kleine Vögelchen wird auch das lernen,
weil es Spaß macht
– und weil es will was es kann und kann was es will.

Und der große Vogel mit dem steifen Flügel wird daneben sitzen,
wird dafür sorgen,
dass genügend Wasser da ist
und genug Brot und Salz
und dass die Katze nicht zu nahekommt.

Er wird die Pirouetten bewundern,
die einfach so entstehen –
Die Vorwärtsrolle begleitet von einem Kichern
und die Achterbahnfahrten der Schwalben.
Manchmal wird ihm schon vom Zuschauen schlecht werden…

Und vielleicht – wenn das Vögelchen größer ist –
Wird er auch manchmal mitfliegen.
– Weil es Spaß macht und so spaßig aussieht.
Die Wärme des Vögelchens wird auch seine Flügel wieder lebendig machen.

Mit lebendigen Flügeln werden manche – schwere – Flugarten nicht mehr passen.
Dafür werden im Spiel – mit dem kleinen Vögelchen –
Leichte Schrauben und grazile Flügelschläge entstehen…

Die, die nur auf das Äußere gucken, werden ihn kaum noch erkennen.
„Er fliegt so anders“, werden sie sagen.
„Seine Stimme klingt so klar und lebendig.“
„Ist er das überhaupt?“

Doch die, die mit dem Herzen hören,
die, die das Leben fühlen,
die werden die neue Lebendigkeit spüren und sich freuen.

Sie werden ihre Stimme erheben und gemeinsam singen
das Lied des Lebens
das Lied des des Todes
das Lied des Werdens und Vergehens
das Lied des Lebens und des Lichts.“

© Katrin Lippmann 01.05.16

Mit lichtvollen Grüßen für dich zum Heiligen Abend,

Von Herzen Katrin – die Feuerfrau

„Ich möchte Leuchtturm sein“

„Ich möchte Leuchtturm sein
in Nacht und Wind,
für Dorsch und Stint,
für jedes Boot –
und bin doch selbst
ein Schiff in Not“
von Wolfgang Borchert

Mit lichtvollen Grüßen

Eure Feuerfrau

PS: Das ist die Einleitung zu Wolfgang Borcherts 1946 erschienenem Buch „Laterne, Nacht und Sterne“.
PPS: Vielen Dank liebe Isabel Neuenfeldt für dieses Zitat.